Paycheck und The Skull

Mai 24, 2009

The Skull ist eine weitere Kurzgeschichte von Philip K. Dick, die von der Zeitreise handelt. Anders, als Paycheck, gibt es hier eine tatsächliche Reise in die Vergangenheit, mit dem Ziel, diese zu verändern.

Technische Aspekte

Die technische Seite der Apparatur in Paycheck und deren Funktionsweise wurde im letzten Beitrag bereits diskutiert. Wie sieht es damit in The Skull aus?

Conger saw machinery, whirring and turning; benches and retorts. In the center of the room was a gleaming crystal cage.
Philip K. Dick: The Skull

Es handelt sich anscheinend um eine komplexe Maschine, die sich stationär in einem Raum befindet. Das Herz dieser Maschine ist der Kristallkäfig. Dieser Käfig ist der einzige Teil der Zeitmaschine, der sich in der Zeit und im Raum bewegt. Er transportiert alles, was sich in ihm befindet.

He raised his finger and touched the wheel control. He turned the wheel carefully.
He was still staring at the plastic bag when the room outside vanished.
For a long time there was nothing at all. Nothing beyond the crystal mesh of the cage.
Philip K. Dick: The Skull

Innerhalb des Käfigs befindet sich der Kontrollmechanismus, der eine Art Rad oder Lenkrad zu sein scheint. Die Bedienung des Käfigs ist nicht schwer. Conger kommt damit ohne Erklärung zurecht und muss sich nicht besonders konzentrieren. Obwohl der Käfig von innen in die gewünschte Zeit und auf die gewünschte Stelle gesteuert wird, ist es doch möglich, ihn auch mithilfe der stationären Maschinerie zu kontrollieren:

“Don’t try to use this cage for purposes not anticipated in your job. We have a constant trace on it. If we want it back, we can get it back.
Philip K. Dick: The Skull

Im Käfig befindet sich außer dem Lenkrad auch ein Spiegel. Diesmal handelt es sich um einen ganz normalen Spiegel, in dem Conger sich sehr oft im Laufe der Geschichte betrachtet. Es ist unklar, wie groß der Käfig ist, aber er hat eine Tür, einen Spiegel und ein Lenkrad mit einer Sitzgelegenheit davor. All dies zusammen erinnert ein wenig an ein Auto, zudem Conger ohne Erklärung wusste, wie man ihn bedient, als würde er sich einfach in ein neues Auto setzen. Dennoch ist der Käfig groß genug, um darin laufen zu können.

He stood before the mirror over the shelf, examining his features.
[…]
Conger sat before the wheel. For a moment he waited, his hands resting lightly on the control. Then he turned the wheel, just a little, following the control readings carefully.
The grayness settled down around him.
Philip K. Dick: The Skull

Die Zeitreise beansprucht Conger physisch überhaupt nicht. Jegliche Veränderung spielt sich außerhalb des Käfigs ab: die Farben verändern sich, die Formen verschwinden, bis der Käfig in der vorgegebenen Zeit ankommt:

He put the gun down and adjusted the meter readings of the cage. The spiraling mist was beginning to condense and settle. All at once forms wavered and fluttered around him.
Colors, sounds, movements filtered through the crystal wire. He clamped the controls off and stood up.
Philip K. Dick: The Skull

Nachdem Conger den Käfig ein wenig außerhalb der kleinen Stadt „geparkt“ hat, bringt er ihn wieder auf eine Weise hervor, die wieder an ein Auto erinnert:

He brought out a thin rod from his waist and turned the handle of it. For a moment nothing happened. Then there was a shimmering in the air.
The crystal cage appeared and settled slowly down.
Philip K. Dick: The Skull

Veränderung der Geschichte

“We’ll be awaiting the outcome. There’s some philosophical doubt as to whether one can alter the past. This should answer the question once and for all.”
Philip K. Dick: The Skull

The Skull ist ein noch besseres Beispiel für den “no choice” Paradox, als The Terminator. In Terminator II wurde der Tag der Abrechnung mindestens hinausgezögert. In The Skull hat Conger keine andere Wahl mehr, als The Founder zu werden, sobald er in die Vergangenheit reist. Eigentlich ist es erstaunlich, wie lange er selbst braucht, um den Schädel als seinen eigenen zu identifizieren. Für einen Moment scheint er noch vor der Wahl zu stehen:

Escape?
He turned toward the skull. There it was, his skull, yellow with age. Escape? Escape, when he had held it in his own hands?
Philip K. Dick: The Skull

Aber eigentlich ist es keine Wahl mehr. Er hält seinen eigenen Schädel in den Händen, also hat er gar keine andere Wahl, als hinauszugehen und vor die Menschenversammlung zu treten. In diesem Moment ist Conger eins mit seiner eigenen Zukunft – dem Schädel. Seine Geschichte wird sich so abspielen, weil sie sich schon so abgespielt hat, und der Schädel ist der Beweis dafür.

In The Skull bleibt keine Frage offen, was die Dynamik der Zeitreise betrifft. Conger stirbt in der Vergangenheit, wobei sein früheres Ich in einer späteren Vergangenheit auftaucht, sodass er nach seinem Tod noch zu leben scheint. Und viele Jahre später wird Conger in seiner eigenen Zeit geboren, um die Zeitreise zu unternehmen.

Dagegen bleiben in Paycheck viele Fragen offen. Weder Jennings noch der Leser erfahren jemals, was Jennings’ vergessenes Ich wirklich im Spiegel gesehen hat. Hat ER die Zukunft so gesehen, wie sie passiert war, sodass ER aus den Spiegel schon wusste, welche Gegenstände ER sich selbst schicken würde, und hat sie dann auch wirklich gesammelt und geschickt? Hat ER seine eigene Zukunft immer wieder stückweise gesehen, jeweils bis zu einem Moment, an dem ein Gegenstand gebraucht worden wäre, besorgte dann diesen Gegenstand, legte ihn in den Umschlag, den ER sich selbst zuschicken wollte, und sah sich die Zukunft wieder an, um sicherzustellen, dass der Gegenstand das Gewollte auch bewirken würde? Man weiß es einfach nicht. Diese Varianten sind nur private Spekulationen. Klar ist nur, dass das vergessene Ich anscheinend die Zukunft tatsächlich so gesehen hat, wie sie sich abgespielt hat. Wurde die Zukunft hier überhaupt verändert? Von allen Fragen zu Paycheck ist diese wohl die interessanteste. Denn in der Verfilmung wird die Zukunft wirklich verändert, weil wir einen Blick in diese Zukunft bekommen. Aber in der Kurzgeschichte gibt es dafür eigentlich keine Indizien. Aus den Textstellen, die im letzten Beitrag zitiert worden sind, geht hervor, dass weder Jennings noch sein vergessenes Ich die Zukunft verändert haben. Eigentlich hat Jennings keine andere Wahl, als genau diese vorprogrammierte Zukunft zu durchleben, da erstens sein vergessenes Ich sie schon gesehen hat und zweitens weil er fest vorhat, alle Gegenstände zu nutzen und seinen Plan, an die Macht zu kommen, zu durchsetzen. Es scheint ein „no choice“ Paradox zu sein, jedoch in eine andere Richtung gedreht. Conger muss in der Vergangenheit sterben, weil der Schädel beweist, dass es auch wirklich so passiert ist: hier ist also die Vergangenheit aus der Zukunft heraus gesteuert. Die entscheidenden Ereignisse finden in der Vergangenheit statt. Jennings hat aber keine andere Wahl, als genau diese Zukunft zu erleben. Schließlich schnappt die Klaue das Papierstück aus dieser Zukunft heraus und bringt es in die Vergangenheit zu Jennings’ vergessenem Ich. Das Papierstück, genau wie der Schädel, ist der Beweis dafür, dass die Zukunft genauso passieren wird, weil sie schon passiert ist. Für Jennings wird also die Zukunft aus der Vergangenheit von seinem vergessenem Ich gesteuert. Alle entscheidenden Ereignisse finden in der Zukunft (das bedeutet nach dem Eingriff in die Zeit und nicht vor ihm, wie in The Skull) statt.

Allem Anschein nach wird weder in The Skull noch in Paycheck etwas an dem fixen Zeitstrang verändert.

 

 

Quellen:
Philip K. Dick: Paycheck
Philip K. Dick: The Skull

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