Psychische Zeitreisen

Juni 24, 2009

Ich werde nun versuchen, auf die „gedankliche“ Zeitreise einzugehen. Nicht mehr Paycheck (wo eine Mischform stattfindet)  oder die klassischen Zeitmaschinen stehen in meinem Fokus, sondern solche, die bloß in den Gedanken stattfinden. Die Grundvoraussetzung für einen solchen Gedanken ist:  wenn ich die Zukunft kenne, inwiefern beeinflusst dies mein Handeln? Ich möchte mich hierbei konkret an den beiden Geschichten „Minority Report“ und „We can remember it for your wholesale“  orientieren. Vergessen will ich aber auch nicht den durchaus bekannten Film „ 12 Monkeys“ von Terry Gilliam. Hier kann man meiner Meinung nach sogar behaupten, dass Anleihen bei PKD Geschichten genommen wurden. Doch dazu später.

Der historische Bezug von Minority Report ist leicht zu erahnen: es handelt sich hier um eine moderne Version eines Orakels. Obwohl im modernen Orakel der religiöse Aspekt vollkommen wegfällt, ist die Definition des klassischen (besser gesagt des „alten“) den sogenannten Precogs in Minority Report sehr ähnlich .  Es geht um die Beantwortung von Entscheidungs- bzw. Zukunftsfragen. Ganz logisch, doch der interessante Aspekt ist, dass die Entscheidung aufgrund des Orakels auch als Rechtfertigung dient. Man kann sich also auf die vorhergesagte Entwicklung so verlassen bzw. der Entscheidung dieser Person vertrauen, dass man danach für sein Handeln eine Rechtfertigung hat. John Anderton vertraut auch auf die Entscheidungen der Precogs. Es wird also gar nicht in Frag gestellt, ob sich das Orakel irrt oder nicht. Es wird als Faktum angenommen, dass diese und nur diese Zukunft eintritt.

Bei „We can remember ist for your wholesale“ möchte ich versuchen, gewisse Parallelen zu H.P. Lovecrafts Werken (z.B.”Der leuchtende Trapezoeder”) zu ziehen. H.P. Lovecrafts Werke umfassen eine ganze Reihe von Kurzgeschichten, welche sich hauptsächlich mit diversen Visionen bzw. Zeichen auseinandersetzen, die die Zukunft der Figur beeinflussen. Meist jedoch im negativen Sinn. Der Gedanke, hier von einer Zeitreise zu sprechen mag zwar am Anfang absurd erscheinen, doch wenn man die Handlung etwas zerlegt, wird es schon klarer. Menschen werden (ähnlich wie in “We can remember ist for your wholesale”) Gedankenchips im Kopf implantiert, um ihnen eine Erinnerung bzw. ein Erlebnis  vorzugaukeln. Wenn sich das ganze aber mit tatsächlichen, also mit den „wahren“ Gedanken vermischt, was ist dann Realität bzw. was weiß man wirklich? Handelt man deswegen so, weil sich die vergessenen Erinnerungen mit den implantierten Gedanken überschneiden?

Bei H.P. Lovecrafts Kurzgeschichten, die von Visionen und Träumen handeln, ist das Ganze in einem nicht so modernen Kontext wie implantierte Gedanken zu sehen. Hier geht es eher um das Gehirn in seiner physischen Form bzw. dessen Wahrnehmung.  Meist werden hier Zukunftsvisionen erlebt, die  “normale” Menschen als Geisteskrankheiten abtun würden.  Doch auch in diesen Geschichten verschmilzt die Realität zwischen erlebtem und geträumten bzw. zukünftigem.  In einer Tabelle entgegengestellt zu PKDs Kurzgeschichte würde das dann folgendermaßen aussehen:

H.P. Lovecraft PKD
Vergangenheit, Erlebtes Erlebtes (gelöscht)
Gegenwart bzw. Vision Implantierte „Vision“
Erlebtes  + Vision = Zukunft Erlebtes+ Implantat = Zukunft

Wir sehen hier: Die  Art der Vision macht den Unterschied. Während sie einmal eingepflanzt wurde, hat beim anderen Mal nur das Gedächtnis verrückt gespielt. In beiden Fällen aber macht das, was man erlebt hat und was man vorahnt bzw. über die Zukunft weiß, die zukünftigen Handlungen aus. Eine zusätzliche Verwirrung findet natürlich mit der gelöschten Version der Vergangenheit in PKDs Kurzgeschichte statt. Die Zeitreise selbst findet also nicht im physischen Zustand statt . Es handelt sich eher um das Verschmelzen verschiedener Zeitebenen die dann zu einer anderen bzw. erkennbaren Zukunft führen.

Wenn wir nun die zwei Filmbeispiele wie oben erwähnt etwas näher betrachten, so sind die Parallelen zu PKDs Werken naheliegend.  In “12 Monkeys” wird Bruce Willis durch die Zeit geschickt, um die Ursache eines tödlichen Virus  zu finden. Er wird in die Vergangenheit geschickt und leidet unter einem Albtraum wo er sich selbst sterben sieht. Er weiß also offensichtlich etwas über seine eigene Zukunft, obwohl er noch nicht einmal in die Zeit gereist ist, um seinen Auftrag zu beginnen. Viellecht ist diese Geschichte ein ganz guter Hinweis auf eine Vermischung der verschiedenen Formen einer Zeitreise. Es gibt sowohl eine Maschine als auch seine Gedanken, die sein Handeln allerdings aufgrund seiner eigenen Unfähigkeit sie zu deuten, nicht ändern. Vielleicht ist die Aussage hierzu: Geschichte passiert, egal was man tut. Interessant ist allerdings der klassische Aspekt, dass immer wieder wie in Simulacra versucht wird, die Vergangenheit zu ändern um ein besseres Jetzt zu haben. PKDs wirre Zeitreisegeschichten sind hier meiner Meinung nach ganz gut enthalten. Eben die Gründe einer solchen Zeitreise und auch die Umstände sind PKDs Universum teilweise ähnlich: Ein Zweiklassensystem in der Gesellschaft sowie ein vorgefertigtes Schicksal, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Ein historisches Resumeè zu erstellen und dabei bei PKDs Zeitreisegeschichten zu bleiben ist schwer. Ich habe versucht gewisse klassische Geschichten aufzuzeigen, von denen PKD vielleicht ein paar Anleihen gemacht hat. “The Time Machine” liegt hier auf der Hand und es lassen sich immer wieder leichte Ähnlichkeiten mit dieser Geschichte aufweisen, bei anderen bekannten Werken ist das schon etwas komplizierter. Es ist schwer nachzuvollziehen, welche Art von Literatur gerade in diesem Bereich für PKD ausschlaggebend war. Wichtig war mir verschiedene Thesen aufzustellen, um die Vielschichtigkeit des Themas Zeitgeschichte aufzuzeigen. Gerade diese Form der mentalen Zeitreise wollte ich etwas näher beleuchten. Deswegen halte ich “Paycheck” für ein ausgezeichnetes Beispiel: es bietet irgendwie beiden Seiten etwas: Den Fans der klassischen Zeitreise sowie denen, die sich auch für die mentale Zeitreise interessieren.

Vielleicht ist es deswegen so schwer, PKD in dieser Beziehung einzuschätzen, weil er selbst Geschichte mit seinen Zeitreisegeschichten geschrieben hat, und ER ist die historische Vorlage für Filme wie “12 Monkeys” bzw. kommende Zeitreisefantasien.

Quellen:
http://www.hp-gramatke.de/time/german/page0300.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Stanis%C5%82aw_Lem
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Zeitmaschine
“The Time MAchine”, H.G. Wells, 1895
The Best of H.P. Lovecraft, Suhrkamp,2009
Timeline (DVD), Concorde Video, 2003
12 Monkeys (DVD) Concorde Video, 1997

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